Kunstorchester Kwaggawerk

Das Kwaggajanische Pferd – Eine winterliche Revue

Posted in Artikel by Kunstorchester Kwaggawerk on 10. März 2012

10.3.2012 Webmagazin KÖLNINSIDE:

„Eine winterliche Revue“

Das Kwaggajanische Pferd in der Comedia

Ein höchst außergewöhnlicher Event, der leicht hätte daneben gehen können, aber in der ausverkauften Comedia zum grandiosen Erfolg avancierte: Am 29.1.2012 belohnte ein tosendes Publikum das wilde musikalisch-künstlerische Spektakel mit einem lang anhaltenden Beifall.

„Das Kunstorchester `Kwaggawerk´ spielt auf – mit Pauken und Trompeten, Posaunen, Tuben, Trommeln und Glocken, mit Anfängern und Könnern nahezu jeden Alters und lauter, energiegeladener Musik“ hieß es in der Einladung. Anlass dieser vielversprechenden, Gelingen wie auch Scheitern einschließenden Ankündigung war der fünfte Geburtstag dieses vom Schweizer Komponisten Reto Stadelmann gegründeten vitalen Kölner Kunstorchesters.

Die Veranstaltung hielt, was sie versprach, um sich zurückhaltend auszudrücken: Szenische Darstellungen, choreographisch gestaltet vor allem von Julia Seidensticker und Tom Geilich, wurden in spielerischem Wechsel ergänzt durch vital-schräg vorgetragene, selbst komponierte Popstücke. Am Anfang des Abends erklomm eine Tubaspielerin die Bühne, die proben wollte, aber sogleich durch zwei sich duellierende Posaunisten, und unmittelbar danach durch wohl 15 neugierige Kwaggas, immer wieder am Üben gehindert wurde. Schließlich vertrieb die Tubistin die störenden Gäste wie Blätter, die von ihrer offenkundig mit einem Staubsauger drappierten Tuba hinweggefegt wurden.

Thematisch eröffnet wurde der Abend von einer grandios-selbstironischen Rede des Kwagga-Trompetenspielers Egon Zähringer. Seine abschließenden programmatischen Worte seien wiedergegeben:

„… Richtig falsch spielen ist auch Glücksache.

Um Glück zu haben braucht es eine Lotterie.

Unsere Proben sind die Lotterie.

Manchmal auch Lotterei.

Ein schönes Lotterleben.

Alle gewinnen ausnahmslos: Ausnahms-Lose.“

Mehr Worte gab es an diesem Abend nicht mehr. Das Kunstorchester Kwaggawerk neigt nicht zu verbalen Darstellungen.

Die erinnernde Reflexion war gerade erst im Raum verklungen, da drangen bereits die von 40 bunt behelmten Musikern vorgetragenen Stücke wie Mambo, Like a Prayer, Honey Honey und Griechischer Wein in den Raum. Der größte Teil dieser Werke ist dem Kölner Publikum bereits durch zahlreiche öffentliche Events „vertraut“ – so dieser Begriff angesichts der klanglichen Überdichte hier angemessen erscheint. Aber es wurden aber auch neue Stücke vorgetragen, die zwischen Rock, Pop und experimenteller Klassik schwankten und durchgehend wild und hinreißend mitreißend in Szene gesetzt wurden. Musikalische Dissonanzen, die mit überzeugender und ansteckender Leidenschaft vorgetragen wurden.

Zwischendurch verschwanden die Musiker des Ensembles immer wieder hinter der Bühne – und erschienen kurze Zeit später wieder mit einem neuen, bereits an Karneval erinnernden Outfit.

Es folgte ein selbstgedrehter Film, in dem das frühe, von Reto Stadelmann komponierte Kwagga-Stück Cistusröschen – welches auch im Köln-Sampler „Underground Explosion“ aufgenommen worden sowie als eigene CD erhältlich ist – filmisch inszeniert wurde – während zeitgleich auf der Bühne mehrere mobile Berge, Tannen, Gipfelhüte, mit Badekappen trappierte Musiker und ein wild fahrender Bus das Auge des Zuschauers immer wieder vom Film weg hin zum szenischen Geschehen zogen. Ein Spannungsbogen, der das erkennbar ausgelassene Publikum merklich in seinen Bann zog.

Nach der Pause zeigte sich erneut, dass nicht nur Fabrikhallen, das Gelände des Friedensparks (wie beim diesjährigen Edelweißpiratenfest) oder der Blücher Park, sondern auch die Bühne des Theaters Comedia einen passenden Rahmen für Kwaggawerk zu bieten vermag: Der Komponist Stadelmann wurde in absoluter Stille auf die Bühne gehoben – während hinter ihm eine riesige schwarze Wand aufgebaut wurde. Diese trennte ihn schließlich gänzlich vom Orchester. Er erschien zwei lange stille Minuten lang, vom Licht angestrahlt, wie eine leblose Puppe; was einen irritierten Jungen zu der leisen, dennoch deutlich im Saal zu vernehmenden Frage veranlasste, ob diese Puppe denn leben würde. Dann, endlich, floss langsam Leben in seinen Körper, er begann in zarter, fließender Bewegung das Publikum zu dirigieren – und es erklang, wie von Geisterhand inszeniert, das kurze Stück Auftakt: Acht Musiker hatten sich im Publikum versteckt, vertonten den musikalischen Auftakt der zweiten Hälfte – und stürmten anschließend, nachdem sie sich rasch karnevalistisch kostümiert hatten, auf die Bühne, um sich dem zunehmend heftiger aufspielenden Ensemble anzuschließen: Poison, Believe, Unser Erstes, Super Trouper und Let it be gerieten zu einer wohlfeil-schrägen klanglichen Inszenierungen.

Besonders erwähnenswert: Nun wechselten gleich zwei mal der Dirigent, was zugleich die Generationenfolge innerhalb Kwaggawerks wiederspiegelt: Während der erste Part von Roman Söntgerath dirigiert wurde übernahm nun Reto Stadelmann und zum Schluss der neu zu Kwaggawerk dazu gestoßene Michael Lerner das Dirigat – eine auch generationelle Vielfalt und Pluralität, die ein weiteres musikalisches Entwicklungsperspektive für die nächsten fünf Jahre vermuten lässt.

Anschließend ermöglichte ein von drei Kwaggas vorgetragenes Klezmerstück eine akustische Erholung – während hinter der Bühne ein weiterer Höhepunkt „aus dem Inneren des kwaggajanischen Pferdes“ (so die programmatische Selbstdarstellung) vorbereitet wurde: Am 8.7.2011 hatte Kwaggawerk in der sommerlichen Abenddämmerung des Blücher Parks ihr „KwaggaAHOI – ein wässriges Spektakel“ inszeniert – dessen „Raumfülle und Dramaturgie durchaus einer kürzlich erlebten Neue Musik Aufführung in der Comedia ebenbürtig ist“, wie seinerzeit auf Kölninside konstatiert wurde.

Hieran wurde nun angeknüpft, diesmal nicht auf dem See, sondern auf der zum See ausstaffierten Bühne: Während in der Mitte der Bühne eine wuchtig aufspielende und Takt gebende Paukespielerin den Rhythmus vorgab erschienen nun nacheinander, von beiden Seiten der Bühne aus, acht bunt kostümierte Boote, in denen die jeweiligen Instumentengruppen, als bunte, Badekappen tragende Schwimmer ausstaffiert, nacheinander und schließlich miteinander einen Abschnitt aus dem Requiem Abgrund blumiger Schatten vertonten – ein oppulent-schräges optisch-akkustisches Klangarrangement, in dem sich die zahlreichen, nur mühevoll auf die Bühne passenden schaukelnden Boote mit den schrägen Lauten vermischten. Und gerade, als sich das Publikum mit dem eigenen Beifall mit dem Klang zu verbinden suchte, an der ausgelassenen Euphorie Anschluss suchte, wurde die Komposition durch ein neues Kwaggastück – betitelt als Unser Zweites – abgelöst und fortgeführt.

Nun drängte die Stimmung auf einen furiosen, musikalisch anspruchsvollen Höhepunkt der hemmungslosen Ausgelassenheit: Mit ansteigender lautlicher Dynamik wurden nun, diesmal von Michael Lerner angeleitet, vom gesamten Kwaggawerk-Ensemble neuere Stücke wie Aquarius, Flöck, Smoke on the Water und Sex Bomb dargeboten – alle selbst komponiert, woraus der für Kwaggawerk kennzeichnende unerhört verschleppte, ansteckend heitere, komplexe Klang entsteht.

Und nun, ganz zum Schluss, suchten die Kwaggas einen gemeinsamen, ruhigeren gemeinsamen Ausklang. Der größte Teil der Musiker strömte in den Saal, den Text des von Hans Albers popularisierten „Seefahrerstückes“ La Paloma im Publikum verteilend, während ein Restensemble von zwölf Kwaggas stilecht dieses nostalgische Stück anstimmte – unterstützt vom begeisterten Publikum im zwischenzeitlich aufgehellten Saal. Nun, am Ende, waren sie alle eins geworden – Publikum, Musiker, Künstler.

Nach einer Zugabe strömten sie langsam zum Ausklang, viele verblieben noch in der Gastronomie der Comedia bzw. in den umliegenden Kneipen. Ein höchst außergewöhnlicher Abend.

 

Roland Kaufhold

 

 

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