Kunstorchester Kwaggawerk

Kwaggawerk in der Wissenschaft

von Roland Kaufhold

 
Kwaggawerk wurde 2006 vom Schweizer Komponisten Reto Stadelmann in Köln gegründet. Fünf Jahre lang baute er Kwaggawerk auf, mit unendlicher Leidenschaft, künstlerischer Kompetenz und Enthusiasmus. Nach fünf Jahren musste der professionelle Komponist  das zeitintensive Projekt für sich selbst als künstlerischem Leiter beenden. Reto Stadelmann tat dies aber auch im Wissen darum, dass Kwaggawerk inzwischen autonom genug war, um selbständig, unter neuen Rahmenbedingungen, mit anderen Akzenten, fortbestehen zu können. An seine Stelle trat der in Köln aufgewachsene Musiker Roman Söntgerath; dieser gehörte, seinerzeit noch als Schüler eines Köln-Deutzer Gymnasiums, zu den Musikern der ersten Stunde von Kwaggawerk.

In zwei soeben erschienenen englischsprachigen wissenschaftlichen Publikationen – von Reto Stadelmann (2017) sowie von der in Brüssel lehrenden Philosophin und Künstlerin Kathleen Coessens (2017) – wird die Entwicklung sowie die musikalisch-künstlerische Besonderheit des von Reto Stadelmann entwickelten „kwaggajanischen“ Konzepts rekapituliert und wissenschaftlich reflektiert. Wir empfehlen die Lektüre dieser beiden Studien und stelle sie in kurzen Auszügen vor:

Der 1977 im Schweizer Entlebuch (Eschholzmatter) geborene und aufgewachsene Komponist Reto Stadelmann hat in der Schweiz bereits als Kind und als Jugendlicher die dort sehr beliebte und stark vertretene Schweizer Guggenmusik gespielt: Als Musiker, bald jedoch auch als Leiter einer örtlichen Guggenmusikgruppe. Nach Studium der Schulmusik sowie anschließend Jazz und Komposition in Luzern, London, Manchester und Köln sowie seinem Umzug nach Köln suchte er Möglichkeiten, sein mehrfach durch Preise (u.a. Read Scholarship (2003), Westminster Music Price (2002)) ausgezeichnetes theoretisches und musikalisches Wissen auch in Köln praktisch umzusetzen (s. vertiefend: http://sergeschmid.ch/reto-stadelmann.html sowie http://www.retostadelmann.com/about.htm).


2006: Die Anfänge…

Im November 2006 gründete Reto Stadelmann das Kunstorchester Kwaggawerk. Die Anfänge dieses waghalsigen Versuches beschreibt Stadelmann in seiner Studie so:

„One of my general artistic research interests was the environmental context of musical creation. (…) My artistic research thus included a series of projects that facilitated collaboration in order to create opportunities for composing and presenting music. With the Kunstorchester Kwaggawerk project, I aimed for my work to find expression in an amateur setting.“

Reto Stadelmann beschreibt die von ihm entwickelte Synthese von Musik, Pädagogik und sozialem Engagement mit Laienmusikern – viele „Kwaggamusiker“ hatten zuvor noch nie ein Instrument gespielt, einige vermochten noch nicht einmal Noten zu lesen – in dieser Weise:

„The main objective of the project was to embark on a new form of interdisciplinary artistic work that would combine musical, pedagogical, interpersonal, and managerial skills, create opportunities and events for the promotion of social activities, and offer sensuous artistic experience for a broader “non- artistic” public. Furthermore, I intended to create a setting that would combine music teaching with music making so that I could be of use in an educational sense as well.“

Das Kunstorchester Kwaggawerk beschränkte sich also niemals nur auf die musikalische Dimension“, es suchte Anschluss u.a. bei Kölner Künstlern: „…by inviting and inspiring artists of all kinds and acting upon society by continuously exposing the band to the public over a long period, thus causing interaction through performances and projects.“


Der Name Kwaggawerk

Stadelmann erläutert den Namen Kwaggawerk: Quagga war ein – inzwischen ausgestorbenes – Tier: eine Mischung aus einem Zebra sowie einem Pferd; der hinzugefügte Begriff des „Werkes“ zielte auf die musikwissenschaftlich-künstlerische Dimension:

„The characteristic of the Kwaggawerk project was that everyone was welcome. There were no restrictions on age or musical knowledge and the project included all social classes. The participants’ backgrounds differed greatly and included students, freelancers, teachers, workers and non-workers, scientists, authors, and artists, ranging in age from a fifteen-year-old schoolgirl who played the tuba to a seventy-year-old pensioner who played the bass drum.“

Reto Stadelmann hat seinen ambitionierten Ansatz in der Anfangszeit von Kwaggawerk verschiedentlich auch in Radiointerviews vorgestellt:

Er erinnert an Friedrich Schillers Diktum, dass der Mensch nur da ganz Mensch sei, wo er spiele, wo er ein Künstler zu sein vermöge. Bei der Gründung von Kwaggawerk ließ Reto Stadelmann sich bewusst auf sehr unterschiedliche Kompetenzen ein:

„The beginning was arduous. I started the project with six members who couldn’t play at all. I found them through posting notes placed on road crossings during nocturnal cycling actions, or they replied to advertisements I had put in a few local magazines.”

Kwaggawerk wuchs und wuchs: „Most members played old, rusty, and partially damaged instruments. As there was neither budget nor funding, we adapted to the situation and worked with the resources we had available.“

Reto Stadelmann beschreibt die – auch auf unserer Kwaggawerk-Presseseite https://kwaggawerk.wordpress.com/medien/presse/ nachgezeichneten – musikalischen Stationen der ersten Jahre, so den allerersten Kwaggawerk-Auftritt in der in Köln-Zollstock gelegenen „Indianersiedlung“ im September 2007 im Rahmen der „Artemiade“ https://www.festivalhopper.de/festival/tickets/artemiade-kunstimgarten.php.

Ein erster Höhepunkt war die Entstehung des ambitionierten (im BAP-Musikstudio aufgenommenen) Stückes Cistusröschen (2009), das unmittelbar nach seiner Fertigstellung auch auf einer Kölner CD erschienen ist (On Underground Explosion 5.2. Big Noise Records, BN 571.B, compactdisc.) und über das Kwaggawerk gemeinsam mit dem Künstler Max Erbacher einen eigenen Film gedreht hat:
https://www.youtube.com/watch?v=3fX026Q5zGo

Die CD „CISTUSRÖSCHEN“ ist für 5 EUR über unsere E-Mail-Adresse (siehe Rubrik Kontakt) zu erwerben.

 

Es folgten Auftritte von Kwaggawerk im Rahmen der „Langen Nacht der Museen“ in der Kirche St. Martin. Dann erinnert Stadelmann in seiner Studie an das von der Stadt Köln 2009 anfangs übernommene (und im nachfolgenden Jahr von der Verantwortlichen geklaute) Konzept „Entlebuch und ein halbes Zebra“, bei dem Kwaggawerk gemeinsam mit vier befreundeten Schweizer Guggenmusikgruppen in der Kölner Innenstadt für mehrere Stunden aufspielte. Weitere von Stadelmann in seinem englischsprachigen Aufsatz erwähnte Stationen war 2008 der – gleichfalls von Kwaggawerk filmisch dokumentierte – Event Der neuen Mythen Klippenspiel im Leichlinger Murbachtal. Stadelmann merkt an:

„This project won first price in the nationwide Tag der Musik (day of music) competition, organised by the German Council of Music, in the category New Approaches in the World of Music.“


Blücherpark-Weiher: KwaggAhoi!

Es folgte im Juli 2011 der ambitionierte Auftritt auf dem See des Kölner Blücherparks, wo Kwaggawerk vor 500 Zuschauern auf diversen Kanus spielten: „… based on the original Kwaggawerk composition AbgrundblumigerSchatten (the abyss of flowery shadows) from the cycle “Die Taube die sich nicht traute wurde in den Erker gehängt” (the pigeon that was too afraid was hung up in the bay window) – included crossing the park’s pond in rowing boats. The band were split into small groups and dressed uniformly according to the boat’s allocated colour. Furthermore, a swimming lake monster and three other water creatures performed in the smelly, stagnant water and one tall percussionist was standing in an extra boat to act as a galley drummer.“

Aufgrund seines spektakulären Charakters wurde der Auftritt auf dem Blücherpark-Weiher auf mehreren YouTube-Videos veröffentlicht:
https://www.youtube.com/watch?v=uRchqxQAmzw
https://www.youtube.com/watch?v=OjfSHvvl5W0


„The Kwaggawerk project has without doubt left its marks on Cologne’s cultural scene”

Seinen selbstgewählten Abschied von Kwaggawerk nach fünf intensive Jahren Arbeit, Freude und Selbstausbeutung beschreibt Stadelmann in dieser Weise:
„The Kwaggawerk project has without doubt left its marks on Cologne’s cultural scene and opened up new perspectives when two members who fell in love had a baby. (…) We were featured by magazines and newspapers, including some of nationwide significance, such as Die Welt and the Frankfurter Allgemeine. Reports on Kwaggawerk and interviews with us were broadcast by Deutschlandfunk, WestdeutscherRundfunk (WDR), and Domradio. Also worth mentioning were the welcoming reports on Kwaggawerk performances printed in local newspapers the Kölner Stadt-Anzeiger and the Kölnische Rundschau.“

Für Reto Stadelmann folgten in Köln musikalische Konzepte wie die „Acht Brücken“. Abschließend betont er:

„The realisation of the Kwaggawerk project was both great fun and hard work. In any case, I was never bored, and without doubt it was a most instructive experience. Nevertheless, the project reached a point where I had to decide whether to continue the project as a professional activity or leave the band to concentrate again on my compositions and other tempting ideas. I chose the latter option and left the project in 2011. Since then, the band has remained successful, both with the public and in terms of internal fellowship. The band still meets for regular rehearsals and the quality of their music has improved. They have even recruited new players. As for its public aspect, the Kunstorchester Kwaggawerk has not lost any of its power to entertain in an unorthodox manner.“


Literatur: Reto Stadelmann (2017): The Kunstorchester Kwaggawerk Project: An Original Cultural Education Programme, University of York. In: KathleenCoessens (ed.): Experimental Encounters in Music and Beyond
(Orpheus Institute), Leuven University Press, ISBN 9789462701106, S. 187-196

 

Kathleen Coessens

Die in Brüssel tätige Kathleen Coessens stellt in ihrem Buchbeitrag drei wegweisende nicht-kommerzielle musikalische Konzepte vor: Aus Brasilien, als Venezuela sowie Kwaggawerk aus Köln. Sie schreibt:

„Nichtkommerzielle Musik: The first one is the Kunstorchester Kwaggawerk: an educational experiment in musical performance and teaching that work with an amateur group and was foundet to cause interaction with artists and the „non artistic“ public.“ Sie erwähnt kurz die beiden Musikkonzepte aus Brasilien und Venezuela (s.u.) und fährt dann fort:

„The Kunstorchester Kwaggawerk Project in Germany was launched by Reto Stadelmann to bring art as an engaging process in society.  (…) Music teaching and music making, skill and personality, very combined an a process of continuous moving and events for the promotion of social activities…“.

Einfühlsam beschreibt sie die von Reto Stadelmanns Enthusiasmus und Kompetenz geprägten Proben der ersten Jahre in Köln-Gremberg:

„The evenings with Kwaggawerk became big social gatherings. Pedagogically, al least fifty people learned to play a music instrument, and to find confidence in artistic self-expression. Composers wrote music for this specific group and worked following the individual „strengths“ of the musicians.“
Anschließend stellt Kathleen Coessens die Arbeit des Bahai Orchestra project in Brasilien sowie das Venezuelan El Sistema programm vor, bei dem allein 1975 600.000 junge Menschen kostenlos Musik lernten.


Literatur:
Kathleen Coessens (2017): Encounters in Music and Beyond. An Afterthought to Experimental Encounters.In: id. (ed.): Experimental Encounters in Music and Beyond (Orpheus Institute), Leuven University Press, ISBN 9789462701106
310 blz., paperback (Verkoopprijs € 45.00)

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